Aromatischer Gruss von Monsieur Bacchus

| BOUQUET DER SINNE IM IDYLLISCHEN WEINBERG |

In den letzten Tagen erkundete ich die Juraketten nördlich von Neuenburg. Nun will ich gegen Abend Albatross, den gutmütigen gescheckten Wallach, zurückbringen in seinen Stall zu seinem Besitzer, meinem Freund André Villars. Ich freue mich schon, bei einem Abendessen seine welsche Gastfreundschaft zu geniessen und danach im Gästehaus auf seinem Hof mit der alten Kellerei zu übernachten.

Ein Brunnen plätschert und ich lenke mein Pferd zu der willkommenen Tränke. Der Ritt entlang des Baches Le Seyon war noch vor Sonnenhöchststand, und nun ist erst mal ein kleiner Rast geboten.
   Weiter auf dem ansteigenden Weg zur Krete oberhalb von Montmollin eröffnet sich mir in leichten Dunst gehüllt ein imposantes Alpenpanorama. Ich atme tief durch und lasse die Erhabenheit und die Weite in mich strömen.
   Ein Stück noch und die Sicht über die Reben wird frei bis hinunter zum See. Wenige Kilometer östlich liegt am Ufer die Stadt Neuenburg und unter mir bis zum See abfallend die sanft geschwungenen Rebhänge. Dorthin zieht es mich.

Rebberg am Neuenburgersee

Auf den Rebwegen kann der Blick den Grasbändern entlang zwischen den farbig werdenden Reben bis in die Weite folgen. Schon bald werden während der Weinlese Winzer und Helfer mit ihren Gerätschaften die Rebsträsschen beleben.
   Die Reben sind kurz geschnitten und die Blätter haben bunte und etliche gar blutrote Ränder und Blattadern. Noch vermag die Sonne mit ihren Strahlen den Boden zu erwärmen und die letzte Zuckersüsse in die Beeren der vollbesetzten Trauben zu locken.
   Pinot noir, aber auch Pinot gris und blanc, Chardonnay, Gewürztraminer, Doral oder Garanoir werden angebaut. Nicht zu viele Sorten. Diese selbstauferlegte regionale Beschränkung erlaubt nämlich eine authentische Herkunftsbezeichnung.

mitflaschen


Bis zur vollen Reife und der Weinernte dauert es nicht mehr lange. Ich freue mich jetzt schon auf das Fête de Vendange, das Winzerfest von Neuchâtel, das alljährlich am letzten Wochenende im September gefeiert wird: Musik und Gelächter in der dafür autobefreiten Innenstadt, ein Umzug für Kinder, ein Defilee der mit Rebbau-Utensilien dekorierten Weinlesewagen mit anschliessendem Blumenkorso.

   Ich geniesse die Vorfreude darauf und gleichzeitig – hier inmitten der Weite der Rebhänge – die Ruhe davor. An diesem traumhaften Nachmittag habe ich sie für mich ganz allein, ein mehrfacher Genuss. Und der Kalauer lauert – mit musischem Gruss von Monsieur Bacchus.

Neben einer Treppe, die in der Fall-Linie durch die Reihen führt, finde ich ein besonntes Plätzchen, und Halbschatten für Albatross. Auf seinem Fell, Nomen est Omen, weiss und dunkelgrau gescheckt, machen sich die einzelnen Schatten der Weinblätter wie eine neue Fellzeichung aus – plakativ, wie für ein CD-Cover.
  Ich bedanke mich beim Rebstock – und seinem Besitzer – für die reife und mit tief dunkelblauen Beeren dicht besetzte Traube, die ich mit dem Taschenmesser vom Rebstock hinter mir abschneide.
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Die erste Beere koste ich bedächtig. Ich spüre sie erst kühl an meinen Lippen, um sie danach mit der Zunge gegen den Gaumen langsam und gezielt zu zerdrücken. Genüsslich sauge ich die Fruchtsüsse, pure gespeicherte Sonnenenergie, Beere um Beere in mir auf.
   Mit geschlossenen Augen spüre ich die wärmende Frühherbstsonne. Ich sitze mit dem Rücken an einer Rebmauer und lasse mich, geblendet von der Sonne und der riesige Reflexion auf der Seeoberfläche unter 
mir, in eine Art Trance fallen. Ich fühle mich betrunken von all den Eindrücken, als wäre mir statt der Süsse der Traubenbeeren gekelterter Wein in den Kopf gestiegen. Das Schnauben meines Pferdes höre ich in entrückter Ferne.
   Meiner Seele wird warm, meine Haut ist es schon. Ich nehme wahr, wie das kräftige Licht durch das Rot meiner Augenlider scheint, ich entspanne mich – und lasse mich gleiten in ein rosé-rotes Meer.

Gezeichnete Traubenbeeren

 


Erstveröffentlichung am 05.03.2017 für ch.hoch.26, anlässlich eines Kampagnen-Projekts der EB Zürich für Schweizer Tourismus.
Zielpublikum/Ziel: Schweizer jeglicher Couleur machen Urlaub im attraktiven eigenen Land.



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