Goldkehlchen und die Firewall

| ADAPTION EINES MÄRCHEN-KLASSIKERS |

Eiligen Schrittes steuert der Produzent auf Vater und Tochter zu. Mit seiner Erfahrung ist ihm klar, dass der Vater in seinem Ehrgeiz ihm gegenüber mit dem Können seiner Tochter übertrieben hat. Doch was kümmert es ihn. Vielleicht würde er ein bisschen nachhelfen und diese junge Lady bis über die Mitte der Staffel durchpushen müssen.
Für ihre Nachnominierung macht er die Ausnahme, weil ihre anmutige Erscheinung, die einen blenden kann, Einschaltquoten garantieren wird. – Vielleicht würde dies mithelfen, die Sendung vor dem Aus zu bewahren.

Den Puder- und Parfümduft der Garderobe in Studio 2 riecht sie ob der zugeschnürten Kehle nicht mehr. Aufgelöst und allein sitzt sie vor dem Spiegel und nun ruinieren die Tränen ihre Schminke. Alle Welt wird über sie spotten, weil sie ausser etwas Chorgesang keine Bühnenerfahrung hat. Und erst die TV-Kameras!

Hätte sie sich bloss getraut, sich ihrem Vater zu widersetzen. Nun soll also sie erreichen, was ihm verwehrt geblieben ist. Dafür ist ihm nicht mal dieser Bluff – sie hat ja nur einen Song auf sicher – zu vermessen. Und nur deshalb sitzt sie hier. ‚Soll er doch …‘ .
Ist das ein Schatten, der sich aus einem der Spiegel löst und zum nächsten huscht? Was weinst du Kind so schmerzerfüllt?“, fragt eine Stimme hinter ihr. ‚Was Kind …?‘, denkt sie entrüstet, aber zu schwach, sich umzudrehen.

Im Spiegel vor sich blickt sie in ein altersloses Gesicht. Unwirklich kommt ihr dieser Fremde vor, ein kauziger Kerl von kleine Statur und einer Fülle Haare unter einer freakigen Rasta-Wollkappe.
In ihrer Not aber klagt sie ihm ihr ganzes Leid.

Er könne Unreinheiten in ihrem Gesang mit seiner Erfindung, einem ‚Spezial-Equalizer‘, zeitgleich korrigieren. Mit seiner Software sich einhacken in ihr Mikro und trotz Firewall auch in das Studiomischpult – und so ihre Stimme mit warmem Soulklang anreichern und quasi vergolden. Was ihr dies wert sei?
Sie schluckt trocken – und zeigte auf ihre Perlenkette unter der Schminkablage, die er an sich nimmt. Die Garderobentür gleitet fast lautlos zu, als er sich davon und an sein Werk macht.

Schon bei den Proben zur vierten Sendung hat sie nichts Wertvolles mehr als Preis für seine digitalen Zauberdienste. Aber gibt es ein Zurück?
Mit einem unkonventionellen Arrangement ist sie mit ihm unmittelbar vor ihrem Auftritt doch noch einig geworden. Wenn der Staffelproduzent sie heirate, und sie von ihm ein Kind bekomme, müsse sie es ihm überlassen.

Sie gewinnt die Staffel ohne die Hilfe des Produzenten, welcher sie kurz darauf heiratet. Er hört sie zu Hause allerdings nie singen, und auch für ihr Neugeborenes summt sie nur.
Beinahe zwei Jahre vergehen und die Erinnerung an den unsäglichen Handel und die Angst im Herzen sind am Verblassen. Sie sitzt an ihrem Schminktisch, als mit einem Mal die Gardinen wie von einem Windstoss seltsam aufwehen. Eine Ahnung zuerst, wieder der Schatten, und diesmal zuckt sie zusammen, als sie die kauzige Stimme hört – sie weiss, wozu er gekommen ist. ‚Nein, niemals …‘, und sie drückt ihren Sohn fest an ihre Brust. Noch schmerzerfüllter ist ihr Schluchzen diesmal – und oh Wunder, er lässt sich erweichen und gewährt ihr einen Aufschub. Gepaart jedoch mit einer Aufgabe. Wenn sie ihm binnen dreier Tage seinen Namen, gleichlautend wie sein Onlineportal, nennen könne, dann nur dürfe sie ihr Kind behalten.

Obschon sie alles Erdenkliche an Recherchen unternommen hat, lacht er am Tag eins bloss über all die abenteuerlichen Namen, die sie ihm vorschlägt.
Am Tag darauf ist sein Lachen richtig fies – und schon siegesgewiss.

Es ist am dritten Tag, getrieben und rastlos nachforschend versucht sie ihre letzte Chance zu nutzen.  Einzig vom Anruf ihrer besten Freundin lässt sie sich in ihrer Verzweiflung unterbrechen. Indes will diese lediglich wissen, ob ‚Rumblestilt.ch.en‘ denn ihr neuer Telekomanbieter wäre. Welch ungeschickter Brandname das sei. Doch dem Löschen von ausrangierten Adressen und zugehörigen Sms habe dieser als einziger getrotzt.
Moment, … ist es das? Ist etwa dies der Schlüssel zu ihrer Erlösung?
Wenig später taucht er prompt wieder auf. Der Fremde prustet nun vergnügt über ihre nächsten Versuche. „Stewart.com?, Gabriel.co.uk?, … „. Ihren Trumpf aber hat sie noch nicht gespielt und jetzt betont sie jede Silbe: „Rum-ble-stilt.ch.en …?“. Sein Zornesschrei hebt gellend an und erstirbt jäh, wie er waagrecht strampelnd, Füsse voran und Wollmütze zuletzt, klirrend durch einen Riss in seinem Spiegelbild verschwindet.
Zurück bleibt auf der Schminkablage einzig ein gezackter Splitter, in welchem sich ein Haarbüschel und einige Maschen Wolle verfangen hat.

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